\documentclass[10pt]{article}

\usepackage[latin1]{inputenc}
\usepackage{german,rotating,multicol}

\setlength{\textwidth}{17.5cm}
\setlength{\textheight}{25cm}
\setlength{\hoffset}{-2.4cm}
\setlength{\voffset}{-2.4cm}
\setlength{\unitlength}{1cm}
\setlength{\parskip}{\smallskipamount}
\setcounter{secnumdepth}{0}
\setcounter{tocdepth}{1}
\renewcommand{\contentsname}{}
\def\sectionstr{section}
\renewcommand{\contentsline}[3]{\def\what{#1}\ifx\what\sectionstr
  \hspace*{4cm}#2 \leaders\hbox{ . }\hfill#3\hspace*{2cm}\\[\smallskipamount]\fi}

\renewcommand{\emph}[1]{\textsl{#1}}
\newcommand{\strong}[1]{\textbf{#1}}
\newcommand{\url}[1]{\texttt{#1}}
\newcommand{\email}[1]{\texttt{#1}}
\newcommand{\percent}{\%}
\newcommand{\ffrage}[1]{\textsl{#1}\smallskip}
\newcommand{\frage}[1]{\bigskip\noindent\textsl{#1}\smallskip}

\begin{document}

  \section{Lesen lernen verboten \label{lelever}}

  von Markus Gerwinski

  \smallskip

  \noindent
  Erschienen im November 2002 bei Pro-Linux,\\
  \url{http://www.pl-berichte.de/edit/nov2002a.html}

  \bigskip

  \begin{multicols}{2}

    \noindent
    Stellen Sie sich vor, Sie leben im Mittelalter. Lesen und Schreiben ist
    eine geheimnisvolle Kunst, die nur von speziell ausgebildeten Gelehrten,
    den Schreibern, betrieben wird. Wann immer Sie schriftlich Informationen
    weitergeben wollen, m\"{u}ssen Sie daf\"{u}r einen Schreiber engagieren.

    Stellen Sie sich nun vor, eine Gilde von Schreibern entwickelt ihre eigene
    Schrift, die nur von den eigenen Mitgliedern verstanden wird. Alle anderen
    Schreiber k\"{o}nnen damit nichts anfangen. Stellen Sie sich weiter vor, diese
    Gilde erringt betr\"{a}chtlichen Einflu{\ss} und ist mit ihrer speziellen Schrift
    bald marktbeherrschend, w\"{a}hrend man Schreiber, die ein anderes Alphabet
    beherrschen, kaum noch findet. Wann immer Sie Informationen weitergeben und
    sichergehen wollen, da{\ss} der Empf\"{a}nger sie auch entschl\"{u}sseln kann,
    m\"{u}ssen Sie einen Schreiber dieser Gilde anheuern; oder aber einen
    Schreiber, der sich die spezielle Schrift der Gilde m\"{u}hsam selbst
    angeeignet hat.

    Stellen Sie sich als n\"{a}chstes vor, da{\ss} ein Gesetz erlassen wird,
    demzufolge allen nicht zur Gilde geh\"{o}rigen Schreibern verboten wird, diese
    Schrift zu lesen oder zu schreiben, selbst wenn es ihnen gelingt, sie zu
    erlernen; nur eine ausdr\"{u}ckliche Erlaubnis der Gilde -- erh\"{a}ltlich gegen
    Antrag und eine bescheidene Geb\"{u}hr -- berechtigt nun noch zum Lesen und
    Schreiben der allgemein \"{u}blichen Schrift.

    Dies w\"{a}re exakt die Situation, die sich ergibt, wenn die Patentierung von
    Software, derzeit als Gesetzentwurf in Br\"{u}ssel diskutiert, Wirklichkeit
    wird.

    Software ist nichts weiter als die automatisierte Umsetzung einer
    Leistung, die fr\"{u}her von Menschen erbracht wurde und deren Beherrschung
    heute von den Bewohnern von Industrienationen f\"{u}r selbstverst\"{a}ndlich
    erachtet wird. Wann immer ein Programm Daten liest oder schreibt, tut es
    genau dasselbe, was im Mittelalter der Schreiber tat. Die "`Schrift"' ist
    in diesem Fall das Datenformat, das f\"{u}r die jeweilige Sorte von Daten
    verwendet wird: F\"{u}r Textdaten ist dies zur Zeit \"{u}blicherweise das
    Word-Doc-Format, f\"{u}r Musikdaten das MP3-Format, f\"{u}r Filmdaten das
    ASF-Format etc..

    Alle hier genannten Formate sind \emph{propriet\"{a}re} Formate, deren
    Beschreibung von ihren jeweiligen Erfindern geheimgehalten wird, um
    sicherzustellen, da{\ss} nur mit ihrer eigenen Software ein Kunde die
    entsprechenden Daten nutzen kann. Sie stellen jeweils nur eine von vielen
    M\"{o}glichkeiten dar, diese Art von Daten zu codieren: So wie das
    griechische, arabische und hebr\"{a}ische Alphabet im Prinzip dasselbe leisten
    wie das lateinische, existieren auch f\"{u}r z.\,B.\ die Textverarbeitung
    unz\"{a}hlige Alternativen zum Word-Doc-Format. Viele dieser Alternativen
    (z.\,B.\ das \TeX-Format) sind frei, d.\,h.\ ihre Spezifikation ist
    ver\"{o}ffentlicht und darf ohne Einschr\"{a}nkung von jedem Programmierer in
    seiner Software verwendet werden.

    Das marktbeherrschende Word-Doc-Format dagegen wird von Microsoft unter
    Verschlu{\ss} gehalten. Jeder Programmierer, der Software entwickeln will, die
    Doc-Dateien lesen und schreiben k\"{o}nnen soll, mu{\ss} das Format auf eigene
    Faust entschl\"{u}sseln; ebenso wie unser fiktiver mittelalterlicher Schreiber
    sich die spezielle Schrift der beherrschenden Gilde m\"{u}hsam selbst aneignen
    mu{\ss}, um seinen Beruf als \"{U}bermittler von Informationen auch weiterhin
    aus\"{u}ben zu k\"{o}nnen.

    Wird nun ein Datenformat patentiert, bedeutet dies, da{\ss} ein Programmierer,
    der die M\"{o}glichkeit zum Lesen und Schreiben dieses Formats in seine
    Software einbauen will, hierf\"{u}r Geb\"{u}hren an den Patentinhaber abf\"{u}hren
    mu{\ss}; der Schreiber, der sich die Spezialschrift selbst beigebracht hat,
    wird also au{\ss}erdem noch gezwungen, der Gilde Rechenschaft \"{u}ber seine
    T\"{a}tigkeit abzulegen und sie daf\"{u}r, da{\ss} er ihre Schrift versteht, zu
    bezahlen. Auf diese Weise beh\"{a}lt die Gilde die vollst\"{a}ndige Kontrolle
    \"{u}ber den Informationsflu{\ss} in ihrer Gesellschaft.

    Welche Rolle die Schrift und -- nicht zuletzt -- ihre freie Verbreitung
    f\"{u}r die Entwicklung unserer Kultur und Wissenschaft gespielt hat, ist
    allgemein bekannt. Nicht umsonst betrachten viele Historiker die
    Revolutionierung des Buchdrucks durch Gutenberg als Beginn der Neuzeit.

    Schon jetzt betrachten viele die Erfindung des Computers und des Internet
    als Beginn des Informationszeitalters. Der Computer dient uns heute als
    prim\"{a}res Medium zur Verbreitung von Informationen. Die "`Schriften"', in
    denen wir weltweit Texte, Grafiken, Folienpr\"{a}sentationen, Musik und Filme
    miteinander austauschen, sind Datenformate.

    Schon jetzt werden diese "`Schriften"' weitgehend von einigen wenigen
    gro{\ss}en Firmen kontrolliert. Noch ist deren Benutzung nicht ihr
    ausschlie{\ss}liches Privileg; ein Softwareentwickler, der die M\"{u}he auf sich
    nimmt, ein propriet\"{a}res Datenformat zu analysieren, hat im Moment noch das
    Recht, seinem Programm das Lesen und Schreiben dieses Formats beizubringen.
    Noch darf der Schreiber, der die spezielle Schrift der Gilde zu lesen und
    schreiben versteht, seinen Kunden diese Dienstleistung bieten.

    Dies w\"{u}rde sich \"{a}ndern, wenn in der EU die Patentierung von Software
    legalisiert w\"{u}rde. Nach derzeit geltendem Recht ist Software ausdr\"{u}cklich
    von der Patentierbarkeit ausgenommen. Trotzdem sind \"{u}ber 30000
    Softwarepatente in Europa schon jetzt -- trotz fehlender rechtlicher
    Absicherung -- Realit\"{a}t.

    Ende 2002\footnote{Die Entscheidung des EU-Parlaments wurde
      mehrfach verschoben und ist inzwischen für den 1.\ September
      2003 geplant.}
    wird in Br\"{u}ssel \"{u}ber einen Gesetzentwurf abgestimmt,
    der diese fehlende rechtliche Absicherung beheben soll. Der Gesetzentwurf
    besteht im Wortlaut nahezu unver\"{a}ndert aus den Vorschl\"{a}gen der BSA, einer
    Vereinigung, der unter anderem Microsoft (Halter der Patente u.\,a.\ auf
    ASF und Teile des HTML-4-Standards) und IBM (Mithalter u.\,a.\ des GIF-Patents)
    angeh\"{o}ren. Die Bedenken kleiner und mittelst\"{a}ndischer Unternehmen, der
    Industrie-\ und Handelskammer sowie des Bundeswirtschaftsministeriums
    wurden bei der Ausarbeitung des Gesetzentwurfs praktisch ignoriert. Wird
    der Entwurf angenommen, so sind Softwarepatente in Europa k\"{u}nftig
    rechtliche Realit\"{a}t.

    Die Schrift der Zukunft -- sowohl zur \"{U}bermittlung von Texten als auch von
    Grafiken, Folienpr\"{a}sentationen, Musik und Filmen -- w\"{a}re damit schon bald
    der exklusive \glq Besitz\grq\ einiger weniger Gro{\ss}unternehmen.

    Nat\"{u}rlich kann man dies als Fortschritt empfinden. F\"{u}r unseren
    mittelalterlichen Schreiber allerdings w\"{a}re es eindeutig ein R\"{u}ckfall um
    ein bis zwei Jahrtausende, zur\"{u}ck in die Zeit der Kelten. Dort n\"{a}mlich
    war die Kunst des Lesens und Schreibens das ausschlie{\ss}liche Privileg der
    Priesterkaste.

  \end{multicols}
      
  \subsection*{Quellen}

  \begin{itemize}
    \item
      Richtlinienentwurf der EU-Kommission:\\
      \url{http://europa.eu.int/comm/internal\_market/en/indprop/comp/com02-92de.pdf}
    \item
      Richtlinienentwurf der Business Software Alliance (BSA):\\
      \url{http://swpat.ffii.org/papers/eubsa-swpat0202/proposal.pdf}
    \item
      Vergleich beider Richtlinienentw\"{u}rfe durch den F\"{o}rderverein
      f\"{u}r eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII):
      \url{http://swpat.ffii.org/papers/eubsa-swpat0202/index.de.html}
    \item
      Studie "`Mikro- und makro\"{o}konomische Implikationen der
      Patentierbarkeit von Softwareinnovationen"' im Auftrag des
      Bundesministeriums f\"{u}r Wirtschaft und Technologie (BMWi):\\
      \url{http://www.bmwi.de/Homepage/Politikfelder/Technologiepolitik/\\
      Technologiepolitik.jsp\#softwarepatentstudie}\\
      Obwohl die in der Studie dokumentierten Untersuchungen
      eindeutig zeigen, da{\ss} Software-Patente die Innovation
      behindern, empfiehlt die Studie als "`Ergebnis"' eine
      Beibehaltung des "`Status Quo"' der bereits erteilten
      Software-Patente und eine Streichung des
      Patentierbarkeitverbots f\"{u}r Software. Sie widerspricht
      lediglich einer Ausweitung der Patentierbarkeit nach Vorbild
      der USA, ohne allerdings darauf einzugehen, wie sich der
      europäische "`Status Quo"' denn überhaupt von dem in den USA
      unterscheide.
  \end{itemize}

  \subsection*{Weitere Informationen im Internet:}

  \begin{itemize}
    \item
      Einführung zum Thema "`Software-Patente"':
      \url{http://patinfo.ffii.org}
    \item
      Umfassende Dokumentation:
      \url{http://swpat.ffii.org}
  \end{itemize}

\end{document}
